FolkWorld #62: CD Rezensionen
FolkWorld #62 03/2017

CD & DVD Rezensionen

Brothers Brown "Dusty Road"
Funky Joint Records, 2014

facebook.com/...

Die Geschichte der Band Brothers Brown ist drollig genug, um weitererzählt zu werden. Die beiden vermeintlichen Brüder heißen beide Paul Brown, sind beide erfolgreiche Musiker und nicht miteinander verwandt. Einer stammt aus L.A., schrieb erfolgreich Songs für Al Jarreau und George Benson und bekam einen Grammy für die Produktion eines Albums von Norman Brown - auch nicht verwandt. Der andere Paul Brown lebte in Tennessee, spielte Keybord, wurde für einen Grammy nominiert. Irgendwie gingen versehentlich ein paar Lizenzgebühren des LA-Pauls an den Tennessee-Paul. Beide trafen sich auf einer Grammyverleihung und fanden, dass sie ja auch gemeinsam Musik machen könnten. Rausgekommen ist die Rhythm-&Bluesband Brothers Brown, deren Debüt-Album "Dusty Road" hier vorliegt. Es ist inspiriert von Nashvillesound, Funkyrhythmen, Jazz und Westcoastfeeling. Dazu gibt es eine anständige Portion Blues, der das Ganze vortrefflich zusammen hält. "Dusty Road" ist eine gelungene Reise ins Herz der amerikanischen Roadmusik.
© Karsten Rube


Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts "Lola"
Luz Records, 2016

www.carrierodriguez.com

Carrie Rodriguez ist in der amerikanischen Musikszene mittlerweile keine Unbekannte mehr. Sechs Alben nahm die knapp vierzigjährige Texanerin im Americanastil auf. Jetzt hat sie sich ein paar bekannte Musiker geschnappt, allen voran die Gitarrenlegende Bill Frisell. Zusammen haben sie ein heißes Tex-Mex-Album eingespielt, das sich neben Eigenkompositionen von Carrie Rodriguez auch den großen Momenten des mexikanischen Liedes widmet. "Perfidia" von Alberto Dominguez ist zu hören sowie "Que manera de Perder" und "Sie no te vas" von Cuco Sánchez. Carrie Rodriguez weiß sich sehr gut in die rauchige Saloonstimmung einzupassen, wie es sich im Song "Frió en el alma" sehr gut heraushören lässt. Immer wieder gelingt ihr dabei der Sprung von der Nostalgie zum kräftigen Americanasong der Moderne. "Z" ist so ein poppiger und blueslastiger Moment. "Lola" ist hervorragendes Ohrenkino, mit jenen zu Herzen gehenden Schmalzsonetten, wie sie nur die mexikanische Musik hervorbringt. Zudem ist das Album wundervoll arrangiert und mit viel Spaß am stilistischen Herumhopsen eingespielt.
© Karsten Rube


Ciro Hurtado "Selva"
Inti Productions, 2016

www.cirohurtado.com

Der peruanische Komponist, Arrangeur und Gitarrist legt mit seinem neunten Album "Selva" eine Reminiszenz an seine frühesten Erinnerungen vor. Der Dschungel (span.: Selva) Perus prägte ihn, die Geräusche der Wildnis und die Musik des Andenhochlandes. Der gefragte Akustikgitarrist verbindet die lateinamerikanische Folklore mit spanischem Flamenco und dem Westcoastblues seiner Wahlheimat Los Angeles. "Selva" ist Weltmusik im besten Sinne. Die Kompositionen wirken leicht und spielerisch, sind aber sehr komplex gewebt. Hurtado schreckt auch vor der Andenflöte nicht zurück, die aus dem europäischen Straßenmusikbild mittlerweile zunehmend verschwindet. Im Zusammenhang mit den peruanischen Wurzeln Hurtados passt sie jedoch angenehm ins Gesamtbild. "Selva" ist eine angenehme Stunde Weltmusik.
© Karsten Rube


Constantinople & Ablaye Cissoko "Jardins Migrateurs"
Autre Distribution, 2016

Artist Video

www.ablaye-cissoko.com

Das Trio Constantinople aus Quebec zählt seit zehn Jahren zu den gefragtesten Künstlern des genre- und kulturübergreifenden musikalischen Schaffens. Die Gründer der Formation Kiya und Ziya Tabassin aus Teheran sind tief in der persischen Tradition verwurzelt. Pierre-Yves Martel gehört zur westlichen Hemisphäre und zog samt seiner Viola da Gamba bereits mit dem israelischen Perkussionisten Zohar Fresco und den kanadischen Weltmusikstars von Le Vent du Nord durch die Welt. Hier finden sich schon interessante musikalische Verbindungen. Für die CD "Jardins Migrateurs" tat sich der senegalesische Koraspieler Ablaye Cissoko dazu. Das Album ist ein vielseitiges und erlauben Sie mir das Wortspiel, auch vielsaitiges musikalisches Glanzstück. Die siebensaitige Viola da Gamba von Pierre-Yves Martel lässt die Klangfarbe in die Renaissance gleiten, während die 21-saitige Kora perlend den afrikanischen Griots, den alten Geschichtenerzählern aus dem Senegal huldigt. Hinzugesellt sich die persische Langhalslaute Setar mit bescheiden wirkenden 4 Saiten, die jedoch unter den Fingern Kiya Tabassians dem persischen Einfluss einen edlen Anstrich verleiht. Die hölzerne Bechertrommel Tombak von Ziya Tabassian unterstreicht die Musik der Reisenden mit seinen treibenden Schlägen. Virtuos lassen die vier Musiker kulturelle Grenzen verschwimmen, ohne kulturelle Identitäten zu missachten. "Jardins Migrateurs" ist ein faszinierendes Album, bei dem man eigentlich nur der Schönheit der Klänge lauschen möchte, ohne all die musikethnografischen Belange durchzuhecheln. Genau das gelingt beim Hören des Ensembles Constantinople und ihrem Gast Ablaye Cissoko problemlos.
© Karsten Rube


Dario Muci "Barberia e canto del Salento Vol. II"
Puglia Sounds Records, 2016

www.dariomuci.net

Offensichtlich gab es im Salent eine lange Tradition singender Barbiere. Die Barbershopmusik Süditaliens klingt allerdings anders, als die in Amerika. Dari Muci, musikethnografischer Archäologe pinselt den Staub von alten Liedern seiner Heimat und veröffentlicht mit "Barberia e canto del Salento Vol. II" bereits das zweite Album zu einem Thema, das beim Wiener Opernball nicht gerade beim Walzer diskutiert wird. Beim Barbier liefen entweder Radios, man konnte sich dort eine Oper anhören, manchmal, in den Pausen und auch an den Wochenenden traf man sich in den Räumen, um zu musizieren. Muci hat auf seinem Album einen Querschnitt aus Werken für Mandoline und Gesang veröffentlicht. Da sind traditionelle Volksweisen zu finden, Tänze, sowie eine Bacarole auf der Grundlage einer Komposition von Felix Mendelson Bartholdy. Der sehr schön gestalteten und hörenswerten CD liegt eine 25 minütige Dokumentation über die Arbeit Mucis auf DVD bei.
© Karsten Rube


Gwennyn "Avalon"
Coop Breizh, 2016

www.gwennyn.brz

Die bretonische Sängerin Gwennyn hat sich ein weiteres Mal der mythischen Sagenwelt hingegeben, die die Bretagne so geheimnisvoll macht. Die Erzählungen von Avalon, der Gralsmythos, die Legenden von Merlin und König Artus und die kleinen Geschichten, die sich um Fabelwesen, Kobolde und Feen drehen, gehören zum Erscheinungsbild des eigenwillig schönen Fleckens im äußersten Westen Frankreichs. "Avalon" nennt die Künstlerin ihr fünftes Album. Gwennyn lässt sich auf der CD nicht zu feenhafter Unnahbarkeit hinreißen, wie es gern bei solcherart Geschichtserzählung passiert. Gwennyns Stimme ist bei allem Mythos um diese Sagenwelt weit entfernt von seichtem Esoterikfeengesäusel. Sie besitzt genug Volumen, um auf dem Album das beherrschende Medium zu sein. Sie interpretiert den Mythos mit deutlicher Nähe zum keltischen Folk und zu modernerem Rock. Gelungene Eigenkompositionen und traditionelle Vorlagen halten sich auf der CD die Waage. Den Abschluss bildet eine Coverversion des Roxymusicsongs "Avalon". Ein exzellentes musikalisches Ensemble unterstützt sie dabei, mit Gitarre, irischer Uillean Pipes, Violine und bretonischer Bombarde. "Avalon" ist ein gelungenes bretonisches Folkpop-Album.
© Karsten Rube


Sampo Lassila Narinkka "In Strange Lands"
Narinkaattori Records, 2016

Artist Video

www.narinkka.com

Bassist und Komponist Sampo Lassila Narinkka hat mit seinem Trio eine eigene Art finnischer urbaner Weltmusik entwickelt. Auf "In strange Lands" präsentiert er Suomi-Klezmer, eine spannende Mischung aus Klezmer, Nordic-Blues und allerhand Zutaten aus der Musik des Balkan. Jazz- und Kammermusik finden ebenfalls Einzug in die Klangwelt des Trios, dem neben Lassilas Bass noch eine Viola und ein Akkordeon angehören. Lassilas Werdegang, der von kleinen Projekten bis hin zu Arbeiten mit symphonischen Klangkörpern die ganze Palette an musikalischer Erfahrung beinhaltet, spiegelt sich in den überaus komplexen Kompositionen wieder. Die CD "In Strange Lands" ist für den renommierten EMMA-Award 2016, dem finnischen Musikpreis in der Kategorie Ethno & Folk nominiert.
© Karsten Rube


Schikker Wi Lot "Ganovim-Lider"
Danzone, 2016

www.schikker-wi-lot.de

Shmuel Lehman gehört zu den bedeutendsten Musikethnografen der jüdischen Musik. Von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sammelte er jiddische Volkslieder. Feldforschung betrieb er in Polen und vor allem in Warschau. Einem Teil seiner umfangreichen Sammlung widmet sich das Klezmer-Duo Schikker wi Lot. Die CD "Ganovim-Lider" umfasst Lieder aus dem Alltag von Kriminellen in Warschau, Lodz und Lublin, Lieder von und über Zuhälter, Kleinganoven, gebunden in Straßenmusik und Klageliedern aus Gefängnissen. Mit großer Hingabe interpretieren Franka Lampe am Akkordeon und Sänger Fabian Schnedler die selten fröhlich anmutenden jiddischen Lieder aus der Ganovenszene. Die Lieder wurden 2013 Live beim Yiddischen Summer in Weimar aufgenommen.
© Karsten Rube


Oratnitza "Folktron"
Fusion Embassy International, 2015

Artist Video

oratnitzaband.wordpress.com

Die bulgarische Band Oratnitza bezeichnet ihre Musik selbst als Mischung aus Psychodelic, Trance und Folk. Auf dem Folkfest Rudolstadt 2015 haben sie, so die einhellige Kritikermeinung einen powervollen Auftritt hingelegt, der keinen der Anwesenden stillstehen ließ. So recht kann ich mir das nicht vorstellen, wenn man die eher unterkühlte CD "Folktron" hört. Dubstep und Drum'n Bass treffen hier mäßig harmonisch auf bulgarische Folklore. Zum Schlagwerk gesellt sich ein australisches Didgeridoo sowie eine Geige. Das Ganze köchelt eher uninspiriert auf kleiner Flamme vor sich hin. Vielleicht lag es an den 35 Grad Außentemperatur, die beim Oratnitza-Konzert in Rudolstadt 2015 für Hitzewallungen sorgten. Ich bin jedenfalls damals nach wenigen Minuten zum nächsten Konzert weitergezogen.
© Karsten Rube


Orchestra Bailam "Taverne, Café Amán e Tekés"
Felmay, 2016

www.orchestrabailam.net

Auf eine Reise durch den Mittleren Osten und dessen Unterhaltungsmusik zur Zeit des Osmanischen Reiches lädt uns das Orchestra Bailam mit ihrer CD "Taverne, Café Amán e Tekes" ein. Trotz seiner rigorosen Unterwerfungspolitik war das Osmanische Reich ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Das lässt sich auf dem Album des Orchestras Bailam gut nachvollziehen. Türkische, Griechische, Armenische, Sephardische und Arabische Klangfreuden von Izmir bis Aleppo, von Athen bis Alexandria haben die Musiker zusammengesucht und im Ambiente eines türkischen Caféhauses untergebracht. Sehr gut haben die Musiker, bei denen es sich zum überwiegenden Teil um italienische Künstler handelt, diese kulturelle Vielfalt eingefangen und unter dem Dach des weltmusikalisch ambitionierten italienischen Felmay Labels im Jahr 2016 veröffentlicht.
© Karsten Rube


Karl Seglem "Nordic Balm"
Ozella Music, 2016

Artist Video

www.karlseglem.no

Seit Jahren ist der norwegische Tenorsaxofonist Karl Seglem führend, wenn es darum geht Jazz und skandinavische Volks- und Weltmusik zu einem funktionierenden Crossoverprojekt zusammen zu fügen. "Nordic Balm" ist ein weiterer Meilenstein in dieser Richtung. Die Band, die Seglem zum dritten Mal zusammengestellt hat, wirkt wie eine sich blind verstehende Einheit. Pianist Andreas Ulveo, Kontrabassist Sigurd Hole und Schlagzeuger Jonas Howden Sjovaag haben bereits bei "Norskjazz.no" und "NyeSongar.no" ihrer deutlichen akustischen Spuren hinterlassen. Auf "Nordic Balm" erkennt man, dass diese Alben nicht solitär stehen, sondern zu einer Trilogie zusammen gehören. Mit spielerischer Virtuosität lassen die vier Musiker die skandinavische Klangvielfalt mit der Variationsfreude des Jazz zusammenwachsen. Ein Album voller Magie.
© Karsten Rube


Victor & Penny "Electricity"
V&P Productions, 2016

Artist Video

www.victorandpenny.com

Ganz auf der Retrowelle surfen die beiden amerikanischen Künstler Jeff Freling und Erin McGrane mit ihren musikalischen Alteregos Victor and Penny. Freling arbeitete bei der Blue Man Group, Chicago. McGrane hatte einen Auftritt bei George Clooney "Up in the Air" und ist sonst im Cabaret zuhause. Mit Gitarre, Ukulele und der angenehmen Stimme Erin McGranes zelebrieren sie einen Kansas Swing Jazz alter Schule. Manchmal wird es beswingt, an anderen Stellen der kurzen CD verlangsamt sich das Tempo in eine leicht melancholische Abendstimmung. Das Loose Chance Orchestra unterstützt die beiden Musiker mit Bass, Geige und Saxophon. Die Kompositionen sind jazzig, drehen sich auch mal zu den Rhythmen von Gipsy-Swing und Klezmer. Bis auf eine mäßig emotionale Version von Stings Song "Moon over Burbon Street" befinden sich auf dem Album "Electricity" nur Eigenkompositionen.
© Karsten Rube


Carla Pires "Aqui"
Ocarina, 2016

www.carlapires-fado.com

Die Zeiten, in denen man sich dem portugiesischen Fado ausschließlich von der puristischen Seite nähern konnte, gehören lange der Vergangenheit an. Mittlerweile sind viele Spielarten erlaubt. Die traditionellen ebenso, wie die variationsreichen. Die Sängerin Carla Pires versteht sich hervorragend darin, den Fado mit der Würde der Tradition vorzutragen und ihn andererseits mit den bunten Farben der Welt zum Leuchten zu bringen. "Aqui", ihr aktuelles Album von 2016 beleuchtet die wichtigste Musikrichtung Lissabons, allerdings geht Carla Pires über die Grenzen der Stadt hinaus. Kompositionen von Mario Pacheco, Pedro Pinhal und José Manuel Coelho bringt sie zu Gehör, vertont damit Gedichte von Paulo Abreu Lima und Tiago Torres da Silva und eigene Texte. Vom melancholisch vorgetragenen Fado zum Gassenhauer, wie "O Povo canta na Rua" ist es nur ein kleiner Schritt. Das herzergreifende Liebeslied am Piano ist kaum verklungen, da wechselt Carla Pires zu einer Mischung aus Tango und Fado und geht dann noch einen Schritt weiter, wenn sie in "Há Samba nas colinas de Lisboa" eine Samba anstimmt, die trotzdem nach Portugal klingt. Zum Ende der CD wendet sie sich wieder ganz der Saudade des Fado zu. Auch wenn die Zeiten Spielarten und Variationsmöglichkeiten hervorbringen und zulassen wird in Portugals Hauptstadt das Herz des Fados immer am heftigsten schlagen. Carla Pires Album "Aqui" ist der aktuelle Beweis dafür.
© Karsten Rube


Zapjevala "Im Spunte"
Eigenverlag, 2015

www.zapjevala.ch

"Darf man als Schweizer Balkanmusik spielen?" Diese Frage beschäftigte einige Musiker aus der Alpenrepublik. Beantworten kann man diese Frage generell mit "Ja". Schließlich spielt auf unserem Globus inzwischen jede Ethnie jede kulturelle Richtung nach und manche tun das mit mehr Inbrunst als deren Urväter- und Mütter, auch wenn manchmal Tränen des Schmerzes fließen. (Hier sei an nervenaufreibende Schlagerinterpretationen Made in Japan erinnert.) Was hat das mit der Band Zapjevala zu tun? Diese Band hat sich rumänischer und serbischer Musik verschrieben, singt Traditionelles, Neueres auf Französisch, Rumänisch und im Bernerdeutsch. Das alpenländische können sie in ihren Liedern nie richtig unterdrücken, wollen es vielleicht auch nicht. Aber leider ist die Auswahl der Melodien nicht besonders abwechslungsreich, was bei gerade mal acht Titeln fast schon eine kleine Kunst ist. "Olgica" und "Khade Sukar" scheinen beinahe identisch zu sein. Zwar werden die Titel mit viel Leidenschaft gespielt, aber wirklich zünden kann das Album "Im Spunte" nicht.
© Karsten Rube


Milagro Acustico "Rosa del Sud"
Cultural Bridge Label, 2015

Artist Video

www.milagroacustico.net

25 Jahre nach dem Tod der sizilianischen Folksängerin Rosa Balistreri widmet das Soundprojekt Milagro Acustico aus Rom der Künstlerin eine musikalische Hommage. Balistreri wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und wurde auf Grund ihrer rauen uns kräftigen Stimme, mit der sie Volks- und Wiegenlieder sang, schnell zu einer Ikone der sizilianischen Folklore. Milagro Acustico veredeln die einfachen Gesangaufnamen der Vergangenheit mit soundtechnischen Mitteln der Gegenwart. Dabei benutzen sie nicht nur Elektronik und Computer, sondern arrangieren die Originale, die meist nur aus Gesang und Gitarre bestanden, mit verschiedenen Perkussions-, Blas- und Saiteninstrumenten so um, dass sie auf dem Album als Ensemblewerke funktionieren. Das Album "Rosa del Sud" wirkt modern und traditionell zugleich, da die Musiker es hervorragend verstehen, den Liedern der Sängerin in ihrer Originalität genügend Raum zu geben und sie sanft mit der Moderne verbinden.
© Karsten Rube


Danny Dziuk "Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer"
Buschfunk, 2016

Artist Video

www.dziuks-kueche.de

Manchmal hört man eine CD von jemanden, liest etwas über den Musiker und wundert sich, dass man den nicht längst kennt. Bei Danny Dziuk ist das der Fall. Von dem kenne ich eine Menge, aber von ihm selbst habe ich noch nie was gehört. Er komponierte Musik für den Tatort, trat mit Wiglaf Droste auf, arbeitete mit Stoppok zusammen, schrieb zwei Platten für Annett Louisan und ist dafür verantwortlich, dass Axel Prahl singt. Selbst hat er auch einige Alben veröffentlicht. Das letzte ist schon ein paar Jahre alt und heißt "Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers". Und nun 2016 erschien "Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer". Es ist zu hören, dass Dziuk sich Zeit gelassen hat. Alles sollte so sein, wie er es wollte. Feinfühlig und wortbewusst erarbeitete er jeden seiner intelligenten Texte. Musikalisch sind die Songs dazu mit viel Liebe arrangiert. Hier kleine Bläsereinsätze, die wie Zitate wirken. "Wenn ich dich seh, möchte ich rauchen" lässt mich an Van Morrison denken. "Alien" ist textlich eigentlich ein Rap, musikalisch aber ein leichtes Chanson. Einige der Songs sind ganz in der Art komponiert, wie er es bei Stoppok gemacht hat. Thematisch beleuchtet er den verworrenen Alltag, dem wir alle ausgesetzt sind, nimmt rechte Strömungen aufs Korn, lässt Bänker, wie Pappnasen dastehen, beleuchtet die Demokratie von mehreren Seiten. Im Lied "Und alle meine Freunde" greift er die tragische Geschichte von Amanda Todd auf, die mit der Hilfe von Facebook in den Suizid getrieben wurde. "Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer" ist ein Album, das sich anzuhören lohnt und auch der Name Danny Dziuk dürfte mir zumindest jetzt ein Begriff sein.
© Karsten Rube


Massimo Ferrante "Populaj Kantoj"
Felmay, 2015

www.massimoferrante.it

Der kalabrische Sänger Massimo Ferrante bringt mit seinem neuen Album "Populaj Kantoj" populäre Lieder aus dem Süden Italiens zum Klingen. Das reicht vom sizilianischen Schlaflied, über ein süditalienisches Weihnachtslied bis zur Tarantella und zum antifaschistischen Song. Populäre Volkslieder vorzutragen, ist auch in Italien nicht unbedingt ein Erfolgsrezept. Ähnlich wie in Deutschland wird gern über die Pflege der Volksmusik geredet und einzelne Liedermacher widmen sich dem auch mit Hingabe, doch populäre Musik findet als Radioverordnung statt und schließt Volksmusik dort, wie hier nicht ein. Aber Ferrante hat sich nie auf eine Stufe mit den Interpreten des San Remo Festivals stellen wollen und zeigt auch auf seiner CD "Populaj Kantoj" das Volksmusik alles andere als langweilig ist. Das Album ist eine abwechslungsreiche Reise durch die Kultur des tiefen Südens Italiens.
© Karsten Rube


Lauren Heintz "Where I belong"
Lauren Heintz Music, 2016

www.laurenheintz.com

Beim ersten Hören glaubt man, die Stimme eines sensiblen Songwriters zu hören. Erst mit dem Blick auf das Cover und bei der Beschäftigung mit der Musik von Lauren Heintz bemerkt man, dass es sich dabei um eine Songwriterin handelt. Ihr Album "Where I Belong" beleuchtet auf sentimentale Weise die Lebensumstände und die seelischen Belange der Sängerin. Es ist ein gleichförmiges, sehr beruhigtes Album mit melodiösen Liedern, die oft in der Nähe rührseliger Schnulzen angesiedelt sind. Hübsch anzuhören, aber nichts das lange vorhält.
© Karsten Rube


Jensen & Bugge & Høirup "Slid Din Tid"
GO' Danish Folk Music, 2015

www.jensen-bugge.dk

Borcher Madsen war einer der talentiertesten Musiker und Tanzkomponisten Dänemarks im 19. Jahrhundert. Er stammte von der süddänischen Insel Falster. Zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 2015 vereinigten sich die ebenfalls nicht untalentierten dänischen Folkmusikstars Mette Kathrine Jensen, Kristian Bugge und Morten Alfred Høirup, um diesen Jahrestag mit der Würdigung zu begehen, die er verdient. Heraus gekommen ist das Album "Slid Din Tid", auf dem sie Kompositionen der dänischen Volksmusikikone aufgenommen haben. Mette Kathrine Jensen spielt Akkordeon, Kristian Bugge ergeht sich fröhlich auf der Fiddle und Morten Alfred Høirup ist auf seiner Gitarre ohnehin Freunden der Folkmusic bekannt. "Slid Din Tid" ist ein fröhliches Volkstanzalbum, das einlädt es auch mal mit Bewegung zu versuchen. Schnell wird dem Hörer klar, dass die Menschen vor knapp 200 Jahren hin und wieder viel Spaß haben konnten. Die Musik Borcher Madsen erweckt jedenfalls diesen Eindruck.
© Karsten Rube


Las Hermanas Caronni "Navega Mundos"
Las Grands Fleuves, 2016

Artist Video

www.lashermanascaronni.com

Mit Klarinette und Cello erobern die Zwillingsschwestern Caronni seit einer Dekade die Herzen der Freunde des Kammerfolks. Ihre unangepasste Melange aus Weltmusik und Klassik hat sie auch auf dem neuesten Album "Navega Mundos" zu experimentellen musikalischen Reisen zwischen den Welten angeregt. Tangoinspirationen aus ihrer argentinischen Heimat treffen auf Klezmer, Klassik auf südamerikanische Folklore. Auch den europäischen Impressionismus eines Rainer Maria Rilke interpretieren sie gekonnt mit ihren Instrumenten. Melancholie ist in ihren Kompositionen ein ebenso wesentlicher Bestandteil, wie ausgelassene Spielfreude. Mit "Navegar Mundos" beweisen die beiden Schwestern einmal mehr ihre künstlerische Klasse.
© Karsten Rube


Blue Largo "Sing your own Song"
Coffeegrinds, 2015

www.bluelargoblues.com

Fokale Dystonie ist eine neurologische Erkrankung, vor der sich Musiker am meisten fürchten. Diese Erkrankung wird auch als Musikerkrampf oder auch als Schreibkrampf bezeichnet. "Diese Form der Dystonie ist dadurch gekennzeichnet, dass zwar der Bewegungsapparat im Allgemeinen intakt ist, aber beim Ausführen einer erlernten Bewegung wie etwa der Zupfbewegung an der Gitarre oder der Anschlagsbewegung am Klavier der Finger oder die Hand nicht in der Lage ist, diese Bewegung zu vollführen, während die gleiche Bewegung ohne Instrument oder in einem anderen Kontext oft völlig störungsfrei verläuft." (Wikipedia). Klingt gruselig für einen Berufsmusiker und diese Horrorvision traf den Gitarristen Eric Lieberman. Aber statt sich seinem Schicksal zu ergeben, wurde er wütend. Und dann diszipliniert. Täglich übten er und seine Frau Alicia Aragon an ihren Instrumenten, manchmal fünf bis sieben Stunden. Im Laufe der Zeit hatte er es weitgehend im Griff. Und die langen Übungszeiten haben sich gelohnt. Die Band Blue Largo gründete er in Anlehnung an einen Bill Doggett Song. Die stilistische Prägung der Band und der CD "Sing your own song" liegt im Blues. Doch seine Leidenschaft hat er im Jazz gefunden. Die Stimme seiner Sängerin Alicia Aragon klingt wie Dinah Washington im Motown-Stil. So vermischen sich die Stile, wie sie es schon immer taten, zu einer Rhythm & Blues Melange. "Sing your own Song" ist moderner blueslastiger Jazz mit Vintagemomenten. Ein eigener Stil, ganz wie es der Titel des Albums verspricht.
© Karsten Rube


Il Civetto "Il Civetto"
Eastblock Music, 2015

Artist Video

www.ilcivetto.de

Es ist ja gerade im Musikbusiness nicht nur die harte Arbeit, die zum Erfolg führt, sondern auch Glück und der richtige Moment. Im Fall der Berliner Straßenmusiker war Glück und die ungeheuer ansteckende Art ihres Spiels ausschlaggebend, dafür, dass für die fünf Musiker ein Plattenvertrag herauskam. Vor allem in der U-Bahn-Linie 1 in den Abendstunden von Freitag und Samstag kam es regelmäßig zu partyähnlichen Auswüchsen. Die Jungs stammen aus Kreuzberg, Friedenau, Neukölln, haben einige Zeit auf Reisen in unterschiedlichen Kulturen verbracht und bringen auf ihrer Debüt-CD diese kulturelle Vielfalt mit großer Leidenschaft zu Gehör. Multilingual agieren sie in Portugiesisch, Französisch, Deutsch und Italienisch. Musikalisch bringen sie ebenfalls einen Kosmos aus Kulturen zum Schwingen. Hier geht es mal zünftig balkanesk zu, türkisch-neuköllner Klänge sind ebenso typisch für Il Civetto, wie Afrobeats und Latinpop. Letztlich bedienen Il Civetto genau das Publikum, das abends in Berlin die U-Bahn benutzt. Ihr Debütalbum ist großer Spaß zum Mitmachen.
© Karsten Rube


Estampie "Amor Lontano"
GLM Music GmbH, 2016

Artist Video

www.estampie.de

Höfische Musik des Mittelalters oder besser das, was wir uns heute darunter vorstellen, spielt die deutsche Gruppe Estampie seit über 30 Jahren. Ob das musikalische Hörverständnis am Hofe des Stauferkaisers mit dem heutigen vergleichbar ist, sei mal dahingestellt, schließlich bekommen wir sogar in der Gegenwart oft Ohrensausen, wenn wir nur an die Musik der frühen Neunziger denken. Wie sieht es da wohl mit dem Harmonieempfinden aus, wenn man ein paar Jahrhunderte überspringt. Doch die Musik Estampies soll die Menschen in der Gegenwart, mit der Idee der Musik der Vergangenheit begeistern und mit Blick auf die aktuelle CD "Amor Latino" tut die Band Estampie dies auch wieder mit Bravour. Ihr Crossover von alten Melodien und modernen Arrangements lasse ich mir gern gefallen, wenn ich ein bisschen auf Zeitreise gehen will. "Amor Latino" gibt sich als Hofparty am Hofe des Stauferkaiser Friedrich II. aus. Musiker aus allen Ecken des Römischen Reiches Deutscher Nation und darüber hinaus versammeln sich vor dem Kaiser und spielen ihm vor. Musik des Troubadours aus Okzitanien löst sich ab mit den musikalischen Dichtungen aus dem Orient, hier des Sufi Ibn Arabi. Estampis Album "Amor Lontano" ist ein musikalisch hervorragend gelungener Brückenschlag zwischen Ost und West, sowie Vergangenheit und Gegenwart.
© Karsten Rube


Dagefoer "Jetsam"
Blue Pearls Music, 2017

www.dagefoer.com

Die Musiker der Gruppe Dagefoer haben sich in Hamburg zusammengefunden. Wo sonst mag man sich fragen, wenn man sich ihre Musik anhört. Das dritte Album der Band aus der Hafenstadt klingt ein bisschen nach in Musik gegossener Abendstimmung an der Elbmündung. Leichter Wind weht einem um die Ohren, während entspannte Klänge aus der Nähe und der Ferne harmonisch ineinanderfließen. Hektik kommt auf dieser CD nicht auf. Es ist eher die Gelassenheit des Augenblicks, der man sich bei dieser Musik hingeben kann. Ein bisschen einatmen und ein bisschen mehr ausatmen. "Jetsam" heißt das beruhigend schöne Album, das nicht nur konzeptionell, sondern vor allem auch künstlerisch überzeugen kann. Die neun Songs stammen alle aus eigenem Erleben und Erträumen, die Melodien suggerieren eine erzählerische Linie, die beinahe wie ein Soundtrack wirkt. Dabei stört es erstaunlicherweise überhaupt nicht, wenn über eine knappe Stunde kaum eine tempomäßige Abwechslung stattfindet. Im Gegenteil: Bleibt doch die Stimmung des langen ruhigen Flusses erhalten. Am popähnlichsten ist da noch der Song "In the Blind", bei dem man tatsächlich auf eine Weise ins Mitschwingen kommt, als würde man auf einer leichten Dünung mit einer Jolle herumtanzen. Wunderbar harmonisch ist das Zusammenspiel von Saxophon und Harmonika (die auf dem Album das Bild von der Elbe am Deutlichsten hervorstechen lässt). Jazz, Worldmusic und entspannter Folk treffen mit dem Album "Jetsam" von Dagefoer auf malerische Weise zusammen.
© Karsten Rube


Estusha "Wotan"
Hecho en Mexico, 2015

www.estusha.com

Estusha Grinberg ist eine mexikanische Sängerin, die sich auf ihrem Album "Wotan" den religiösen Themen verschiedener Kulturen widmet. Das siebente Album Estushas umfasst Gesänge verschiedener indigener Völker. Soz.B. ein Lied in Huichol. Huichol ist eine Sprache aus dem Norden Mexikos, die entfernt mit der Sprache der Azteken verwandt ist. An anderer Stelle des Albums begibt sie sich mit nordamerikanischen Indianergesängen auf die Spuren des letzten Mohikaners. Über Sklaverei und den Trost, der dabei in der Religion zu finden ist, singt sie in mehreren brasilianischen Liedern. Elemente aus der indischen Musik verwendet sie ebenfalls. Doch so weit hergeholt alles auf den ersten Blick auch erscheint, dank einer Instrumentierung, die mit Tontöpfen genauso selbstverständlich umgeht, wie mit Synthesizern, verbinden sich die unterschiedlichen Kulturen zu einem harmonischen Ganzen. In der Sorge um das ewige Leben und um die Lasten des irdischen, sind sich die Kulturen dann doch wieder näher, als sie oft vorgeben.
© Karsten Rube



FolkWorld Homepage German Content English Content Editorial & Commentary News & Gossip Letters to the Editors CD & DVD Reviews Book Reviews Folk for Children Folk & Roots Online Guide - Archives & External Links Search FolkWorld Info & Contact


FolkWorld - Home of European Music
FolkWorld Homepage
Layout & Idea of FolkWorld © The Mollis - Editors of FolkWorld